
Verschwindende Wildnisse
„Die Bewahrung der Wildnis impliziert eine politische und ethische Verpflichtung, mit dem Anderssein zu leben, anstatt das Andere zu vereinnahmen oder zu domestizieren. (…) Die Wildnis braucht uns nicht. Sie braucht uns allenfalls, um verschwinden zu können. Wir brauchen die Wildnis, den Sturm auf dem Meer, die Gänse, die schreiend und fliegend ihren Weg ziehen, das sanfte Geräusch des Frühlingsregens auf den frischen Blättern, unser Körper braucht sie, der lebt und liebt. Wir brauchen das Wilde, das Andere, um unseren Alltag zu bereichern und zu intensivieren, um zu erfahren, dass es immer mehr gibt als das Hier und Jetzt und dass dieses Mehr immer schon da ist.“
(Irene J. Klaver: »Wild. Rhythm of the Appearing and Disappearing«, in: Michael P. Nelson/J. Baird Callicott (eds.), The Wilderness Debatte Rages on, Athens/London 2008, S. 485–499 (zitiert nach und übersetzt von Andreas Hetzel: „Vielfalt achten. Eine Ethik der Biodiversität", Transcript-Verlag, Bielefeld 2024, S. 343f.)

Rapide Schmetterlingsrückgänge in den Vereinigten Staaten
Anfang März 2025 veröffentlichte das amerikanische Wissenschaftsmagazine Science die Ergebnisse der bisher umfassendsten Studie zum Bestand der Schmetterlinge in den USA. Allein zwischen den Jahren 2000 und 2020 sind hier die Schmetterlingspopulationen um 22 Prozent zurückgegangen. Als wichtige Ursachen für den Rückgang ist der Verlust artenspezifischen Lebensräumen und der starke Pestizideinsatz in der Landwirtschaft ausgemacht.
https://www.science.org/doi/10.1126/science.adp4671
Fotocredit:SevenStorm JUHASZIMRUS, https://www.pexels.com/de-de/foto/monarchfalter-thront-auf-blatt-425244/

Pestizideinsatz in der Landwirtschaft
Fotocredit: Von Spraying on Coveney Byall Fen by Richard Humphrey, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=124338734
... in einer brennenden Kapsel
fliegen wir durch die Atmosphäre
erwachen zum eigenen Herzschlag
trennen uns für immer vom Nichts
treffen irgendwann eine Entscheidung
und nehmen Einfluss auf den Flügelschlag
eines Schmetterlings
* * *
vom All aus betrachtet
existieren wir nur nachts
Benjamin Baumann
Benjamin Baumann ist Arbeiterkind, Philosoph, (politischer) Autor, Lyriker und Künstler. 2024 erschien im Leipziger Literaturverlag sein Debüt >Kollateralschädel<. Es erhielt den Meißner Literaturpreis und wurde in die Liste der Lyrikempfehlungen 2025 aufgenommen. Baumann lebt in Leipzig und geht 2026 auf literarische Europareise. www.benjaminbaumann.de


Philosophischer Salon "Wozu Wildnis?"
Am 28.1.2026 ging es im Rahmen des Philosophischen Salons im Budde-Haus Leipzig um die Frage "Wozu Wildnis?" – Den Denkimpuls gab Dr. Rainer Totzke von „Vom Verschwinden“, das Gespräch moderierte Dr. Jirko Krauß
Aus den Statements des Publikums
"Das ist so ein Kriterium, sobald es einen Weg gibt, dem ich folge, kann ich nicht in der Wildnis sein. Wildnis ist da, wo der Weg aufhört."...
"Ich glaube, es steckt in jedem drin, das Bedürfnis in die Natur zu gehen - auch die ganzen Sportarten, die wir im Wald betreiben. Oft empfinden wir die Natur als Kulisse und so lange wird das nichts mit uns machen."
..."Es ist interessant, dass das ein Wohlstandsphänomen ist - die Wildnis als Kulisse."...
..."Vielleicht wollen wir in den Wald gehen, um die Gefahr wahrzunehmen, dass der Wolf uns fressen könnte, damit wir uns wirklich spüren können."...
..."In der Wildnis gibt es weniger Gefahren als in der Großstadt, aber erst, wenn wir das begriffen haben, können wir etwas für die Natur tun."...
..."Wir müssen erst die negativen Folgen unseres eigenen Tuns mitbekommen, um den Impuls zu haben, etwas zu ändern." ...
Wir danken alles 25 Anwesenden, die beim Forschungsgespräch dabei waren und Henry David Thoreau für ein die Diskussion inspirierendes Zitat aus "Walden" (siehe unten links)




im moor
anne martin
pflanzen im moor
calla palustris – sumpfcalla betula nala – zwerg-birke[1]
eriophorum gracile – zierliches wollgras[2]
drosera longifolia – langblättriger sonnentau[3]
utricularia minor – kleiner wasserschlauch[4]
shpagnum fuscum – braunes torfmoos[5]
saxifraga hirculus – moorsteinbrech[6]
andromeda polifolia – rosmarinheide[7]
swertia perennis – blauer sumpfstern[8]
carex davalliana – daval-segge primula farinosa – mehl-primel[9]
vaxinium oxycoccos – gewöhnliche moosbeere[10]
pingulica spec. – fettkräuter tofieldia calyculata – kelch-simsenlilie[11]
juncus stygius – moorbinse viola uliginosa – moorveilchen[12]
vaccinium uliginosum – rauschbeere gladiolus palustris – sumpf-gladiolen[13]
sphagnum fallax – trügerisches torfmoos[14]
tiere im moor
aeshna subarctica – hochmoor-mosaikjungfer[15]
boloria eunomia – randring-perlmutterfalter[16]
somatochlora alpestres – alpen-smaragdlibelle[17]
carabus menetriesi – hochmoor-laufkäfer [18]
metrioptera brachyptera – kurzflügelige beissschrecke[19]
plebeius optilete – hochmoor-blaubling[20]
colias palaeno – hochmoor-gelbling[21]
agonum ericeti – hochmoor-glanzflachläufer[22]
tetrao tetrix – birkhuhn vipera berus – kreuzotter[23]
somatochlora arctica – arktische smaragdlibelle[24]
chorthippus montanus – sumpfgrashüpfer[25]
leucorrhinia dubia – kleine moosjungfern[26]
[1] wie eine sehr empfindliche haut
[2] sichtbar noch nach jahren geknicktes gras
[3] der druck auf den boden von nur einem menschen
[4] wiegt schwerer als
[5] der braune flaum eines kranichjungen, eine kolonie wilder gänse
[6] jedes braunkehlchen und jeder kiebitz auf kartiertem grund
[7] fußpfad, tritte und narben
[8] ein hydrologe geht über einen künstlichen graben
[9] gesenkter blick auf den grundwasserstand
[10] wo maulwürfe leben, ist es einfach zu trocken
[11] im hintergrund misteln in birken
[12] der wind stört die tonqualität des expertengesprächs
[13] verrauscht hört man noch: einen maisacker anzulegen an der grenze
[14] eines naturschutzgebietes ist an sich schon eine riesige sünde
[15] über die salzwiesen trug ich ein kind
[16] (es wollte die schönen schuhe tragen, nicht die warmen)
[17] die stagnierenden linien sauren bodens auf meinen stiefeln
[18] sag ich: eigentlich müssten wir sinken
[19] unsere haare verflechten mit segge und rohrglanzgras
[20] unsere hände kleben an sonnentau
[21] sacht mit dem mund über die raue seite eines schilfblattes gleiten
[22] im windschatten der bulten ruhig atmen und lauschen
[23] den zweiunddreißig libellenarten
[24] die namen lese ich uns zur guten nacht
[25] von roten listen als märchen
[26] stilles gebet und mahnung
Kunstwettbewerb Vielfaltergarten 2021: Rap „Butterfly Defekt“
Musikvideo zum Leben von Schmetterlingen in der Stadt - veröffentlicht auf dem Vimeo-Kanal von LeipzigGrün Stadt-Umland LPV: https://vimeo.com/967898888
Credits: TVS feat Walther Matthias Reimers
Abwesen. Dead Species Walking
Weltweit sterben Tiere aus bzw. geht die Populationsgröße dramatisch zurück. Clara S. Rueprich und Udo Grashoff erkunden den gigantischen, weithin unsichtbaren Prozess des Massenaussterbens nicht im tropischen Regenwald, sondern hier in Mitteleuropa. Sie haben zu Arten recherchiert, die am Rande des Aussterbens stehen. Zu Filmaufnahmen in den „leeren“ Biotopen, wo die Tiere gelebt haben, die jetzt „Abwesen“ sind, hört man lyrische Texte, Collagen aus wissenschaftlichen Studien, Lexika und literarischen Texten. In den Kurzporträts werden wundersame, berührende Eigenheiten der vom Aussterben bedrohten Tiere geschildert. Sie führen die Vielfalt und den Reichtum einer vom Untergang bedrohten Welt vor Augen.
Das Projekt gibt es auch als Buch:
https://www.kulturkaufhaus.de/de/detail/ISBN-9783945377888/Rueprich-Clara-S./ABWESEN
Drei abwesende Insekten:
Großer Kolbenwasserkäfer Kiesbankgrashüpfer
Grüne Mosaikjungfer
In ihrem künstlerischen Projekt "Abwesen - Dead Species Walking" dokumentieren Clara S. Rueprich und Udo Grashoff in drei Videos auch das Verschwinden von einheimischen Insektenarten: des Großen Kolbenwasserkäfers, des Kiesbankgrashüpfers und der Grünen Mosaikjungfer. Die drei Videos sind hinter den drei untenstehenden Bildern verlinkt.

Rapide Schmetterlingsrückgänge in den Vereinigten Staaten
Anfang März 2025 veröffentlichte das amerikanische Wissenschaftsmagazine Science die Ergebnisse der bisher umfassendsten Studie zum Bestand der Schmetterlinge in den USA. Allein zwischen den Jahren 2000 und 2020 sind hier die Schmetterlingspopulationen um 22 Prozent zurückgegangen. Als wichtige Ursachen für den Rückgang ist der Verlust artenspezifischen Lebensräumen und der starke Pestizideinsatz in der Landwirtschaft ausgemacht.
https://www.science.org/doi/10.1126/science.adp4671
Fotocredit:SevenStorm JUHASZIMRUS, https://www.pexels.com/de-de/foto/monarchfalter-thront-auf-blatt-425244/

Pestizideinsatz in der Landwirtschaft
Fotocredit: Von Spraying on Coveney Byall Fen by Richard Humphrey, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=124338734
Kunstwettbewerb Vielfaltergarten 2021: Rap „Butterfly Defekt“
Musikvideo zum Leben von Schmetterlingen in der Stadt - veröffentlicht auf dem Vimeo-Kanal von LeipzigGrün Stadt-Umland LPV: https://vimeo.com/967898888
Credits: TVS feat Walther Matthias Reimers




