Wildes Wissen

WildesWissen

Hier wird "wildes Wissen" zum Thema Insekten, Insektenrettung & Welt- und Selbstrettung produziert und dokumentiert. Ein Ort des Austausches zwischen unterschiedlichen Wissensformen. - Michel Foucault und Paul Feyerabend sei Dank!

 

Collage: Dorit Löffler

In den Tiefen des Insekts

Dort wo sie verschwinden (dort wo wir verschwinden)

am Rande der Begriffe (wie des „Anthropozäns“)

hier in den Tiefen des Insekts (und in der Weltenhummel)

leb ich mein Leben fort (und auch das Eurige vielleicht)

in weit entfernten Wirklichkeitsgebräuchen 

(in all dem Summen und Gesirre)

das die Welt begleitet (womöglich fast von Anfang an) 

in den Tiefen des Insekts liegt alles uns bereit 

(und holt es aus uns raus)

das Nature Writing, denk ich

so als käm‘ es ganz von innen zu sich selbst 

(zu mir und zu uns allen)

in seinem Stachel in der Weltenhummel 

(und in den Tiefen des Insekts) 

sind all die Stiche hier mein Schreiben:

die Zeichensprache auf der Haut des fremden Wesens 

(das ich selber bin)

mein Nature-Writing-Zugangscode zur Welt – 

ich probte alles, wär‘ ich nur die Weltenhummel

spräch‘ ich mit Hegel

über Freiheit, Anders-Sein und übers Artensterben auch

mit diesem Stachel in mir drin 

(der tiefer reichte fast als jede Ironie)

mit jedem Flügelschlag wär‘ ich in Walden 

(bei Thoreau beim Kurs in Nature Writing)

und machte mir nichts vor, was von uns bliebe

im Rausch der Neonicotinoide

der Musen und der Popkultur

 

                                                     Kurt Mondaugen

 

Fotocredit: Schizoschaf, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=817523

weißt du von den langsamen wundern,

und was uns jeder igel berichten könnte?

weißt du, woher das ganze dunkle

urwaldbrummen entspringt? des erdinnern größe?

weißt du vom gesang mancher ulmen,

und was durch jenes klingen gelingen möge?

dein grundton, entfacht am spektrum des

urklangs - du mensch beginnst, wenn welt zirpt gen höhe:

ein rumoren ganz an dem untren

grund, kannst du’s je entwirren? je in den strömen

sein und dort den anfang sehn und welts

pulsschlag? und wenn es dich erkennt, hirtenflöten-

gleich durchs hohe gras raschelnd, du ver-

wundbar summend erdling, welche wilden töne

schreist du, vom weltall pans gefunden?

du warst unter den kindern des hirten, hörtest

sein mundorgelspaltklanggesungnes

zurnachtrufen, erinnertest dich der vögel

einst und omen an abends ufer.

nun wachst du vergeblich, verkennst in den höhlen

deins plump kopfs den wandschatten, suchst den

zugang zum kennen im herrschen, im beschwören

deins untoten machtstapelns. zu der

umfahrung des weltflimmerns endlich gehörte

ein grundstoff des anhaltens, ruhe

und anmut, erkenntnis der sternlichterhöhen,

ein schwung von des anfangs schwebung, be-

bung, allumwellend gischt. sternenkind, verlör es

sein umstoßend, anmaßend murmel-

wurf, dann schuf es weniger gewinn denn größre

heilung, frohe landschaft des wurzelns

und am blumengewirr lebendig getötet:

leib und odem wahrhaft genug, ge-

nug. was uns verewigt verzehrt dich. getröstet

sei und wohne am halbversunknen

turm, da unsre welt sich beendigt. getröstet

sei und frohen anfangs: der sturm ver-

stummt, das bluten gerinnt. jedes bild verflöge.

weißt du von den kalmaren unter

fluts brandung? wem des hirsches herz winters röhrte?

weißt du, ob der waranenzunge

buchstabkunde entspricht, lesend in verströmter

zeit? umwolkend all das: verwunder-

ung, ankunft, der geschichten geschirre lösend:

ein buch sollte nach tannen duften

und das summen der insekten widertönen.

 

aiko herrmann,

auf einen satz aus emersons essay selbstvertrauen (1841) in der übersetzung von harald kiczka,

ende dezember 2025 und erster januar 2026

 

Aiko Herrmann pendelt zwischen dem Komponieren und Schreiben und spielt im Leipziger Gamelan-Ensemble Suara Nakal. Zuletzt entstanden ein Essay über Musik und Steine, ein Concertino für Violine und Ensemble und eine erste Sammlung poetischer Texte.

Fotocredits: Fir0002, GFDL 1.2 <http://www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html>, via Wikimedia Commons 

 

Sprich mit den Hummeln

Sprich mit den Hummeln

auf deinem Balkon

im Morgentau

über Animismus 

und was sie davon halten

mit dir zu sprechen

über alle Seelengründe hinweg

frag nach den Hummeln

in diesem Morgentau

und dann frag sie nach Dir

auch wenn du nichts davon 

verstehst

auch dann frag sie nach Dir – 

so geht es ihnen auch!

 

Kurt Mondaugen

 

Fotocredit: Mark Burnett https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=105536

"Nur der Tag bricht an, für den wir wach sind."

Henry David Thoreau: "Walden"

 

Bild: Kurt Mondaugen

Neue Insektenkunde: 

magneto flederfitz 

- eine sehr seltene Gespensterschrecke, die den
Elektromagnetismus reduziert aufs Wesentliche und damit enorme Haftungserfolge erzielt.

Bild/Foto: HAEL YXXS, https://hlxx.de

Neue Insektenkunde: 

magpudler

 - eine eigenwillige Schnabelkerfe, die ihre
Neuflüglerähnlichkeit umgeht und vorgibt, des Pudels Kern zu knacken.

Bild/Foto: HAEL YXXS

 

Neue Insektenkunde: 

plexikopter

 - die Odonata Ordnung scheint nur vollständig, wenn man
eines dieser lichtscheuen Exemplare angesichtig wird. Interessanterweise
ist mir die Beobachtung eines mit PolaroPlexi ausgestatteten Exemplars
gelungen, was ich bis heute eigentlich nicht für möglich halte.

Bild/Foto: HAEL YXXS

 

 

Beobachtungen zu Romulius bifoveolatus Steiner, 1962 (Curculionidae)

Dipl.-Phil. Leo Ettoneh

Zusammenfassung

Der xerothermophile, oligorhizophage und illiterate Mittlere Lehmpanzerrüssler Romulius bifoveolatus Steiner, 1962 lebt u. a. an Capsella (Brassicaceae) und ist lückenhaft erforscht. Im Zuge einer umfangreichen Reihe von Handaufsammlungen wurden bisher unbekannte Lebensumstände der Imagines beobachtet, die im Folgenden beschrieben und diskutiert werden.

 

Einleitung

Kennzeichnend für den Lehmpanzerrüssler sind seine hellgraubraune Färbung und die trockenerdige Oberflächenbeschaffenheit, welche in seinem Habitat eine nahezu vollkommene Tarnung bilden. Dies und die geringe Größe von 3 bis 5 mm mögen Gründe dafür sein, dass über die Art bislang nur wenige Daten vorliegen. Jüngst gewonnene Erkenntnisse geben nun Anlass für eine ausführlichere Besprechung ihres Wesens, in deren Verlauf sich Exkurse in angrenzende Gebiete wie Evolutionäre Zoopsychologie, Paläotheologie, Semantik und Universalphilosophie gegenstandsbedingt kaum vermeiden lassen.

 

Methodik

Der traditionellen Fangmethode des Aussiebens von geschaufeltem und geharktem Material wurde hier die mühsamere, aber weniger invasive Handaufsammlung vorgezogen. So konnten die Käfer in ihrem Habitat unter annähernd natürlichen Bedingungen aufgefunden und beobachtet werden. Gearbeitet wurde kniend. Die Bodenblätter der Kräuter wurden angehoben und die Erde darunter bei Bedarf mit den Fingerkuppen aufgegrubbert. An Hilfsmitteln kamen entomologische Pinzette und Plastikdöschen bzw. Gläschen zum Einsatz.

 

Beobachtungen

Romulius bifoveolatus besiedelt den Wurzelbereich von Hirtentäschel (vorw. Capsella bursa-pastoris) sowie von Gänsekresse (Arabis sp.). Auf den untersuchten Flächen, Zivilisationsrasen und Wiesen, hatte die Erde im Mai und Juni eine trocken-krümelige Konsistenz, welche exakt dem Habitus der Käfer entsprach, sodass deren Unterscheidung von den auch in der Größe korrespondierenden Bodenteilchen mit bloßem Auge beträchtliche Übung und Konzentration erforderte. 

In einem Verhältnis von etwa 1:10 fanden sich unter den gesichteten R. bifoveolatus auch Exemplare des selteneren Traphychloeus stupulatus, was eine Vergesellschaftung beider Arten nahelegt.

 

Diskussion

Dass wir es hier mit ausgereifter Mimese zu tun haben, ist eine profane Erkenntnis: Der Lehmpanzerrüssler ist eine Art Wandelndes Blatt des mitteleuropäischen Wiesengrunds. Längere und ausgreifendere Beschäftigung damit wirft jedoch Fragen auf, welche die klassischen Postulate zur Verhaltensbiologie der Coleoptera (sofern überhaupt existent) ins Wanken bringen. Die drei bis sechs Millimeter großen kugel- bis eiförmigen Erdkrümel traten nämlich im unmittelbaren Habitat der besprochenen Arten viel häufiger auf als an anderen Stellen, wobei noch einmal ein signifikantes Gefälle zwischen potenziellen Habitaten (ohne Käferfunde) und solchen Wiesenflächen bestand, auf denen weder Hirtentäschel noch Gänsekresse vorkam. Dies lässt eigentlich nur den Schluss zu, dass die Gebilde an die Käfer gebunden sind, ja, dass diese sie selbst herstellen und hinterlassen. Nun gibt es unter den Curculionoidea durchaus kunsthandwerklich begabte Arten, wie die Blattroller, die sich dazu ausschließlich im Dienste der Fortpflanzung befleißigen, doch wozu sollte Romulius bifoveolatus (Oder Traphychloeus stupulatus? Dazu später.) sterile Erdkügelchen formen? Zur Tarnung, um von sich selbst abzulenken, könnte man annehmen. Schon das wäre eine bemerkenswerte Leistung. Doch die Gedanken mäandern weiter, während man unter der sengenden Sonne kniet und sich mit stundenlanger Fokussierung auf eine Handspanne Entfernung die Ziliarmuskeln ruiniert. Krümel groß, Krümel klein, Krümel … mittel, da: kein Krümel, Küfer – äh, Käfer, Krümel, Karabidenelytre, Kyrtomina, Kraswurzel, noch ein Kräfer – etwas zierlicher und borstiger als Romulius, also cf. Traphychloeus … Tja, was hat es mit diesem Beifang auf sich? Über den kleinen Vetter ist noch weniger bekannt – welche Beziehung besteht zwischen den beiden Arten?

Bloße visuelle Beobachtung bringt uns hier nicht weiter, da observierte Objekte nicht nur in der Quantenphysik durch ebendiesen Vorgang beeinflusst und abgelenkt werden. Die hundertfünfzigtausendfache Masse mit ihrem liquidösen Linsenapparat könnte jahrhundertelang auf die Insekten herabschauen, ohne jemals zu begreifen, was in ihnen vorgeht. Nein, der einzige Weg zu einem auch nur ansatzweisen Verständnis führt darüber, das anthropozentrische Spektiv weit von sich zu werfen und sich in diese Wesen hineinzumeditieren. Dazu disponiert die beschriebene Sammelmethode wiederum aufs Beste, da sie nach einer gewissen Zeit unweigerlich in Trance versetzt. Es ist nicht einmal auszuschließen, oder vielmehr naheliegend und schwer zu widerlegen, dass die Rüssler neben ihrer physischen Kreativität auch über eine gewisse mentale Fähigkeit verfügen, die ich der Verständlichkeit wegen provisorisch als Telehypnose bezeichnen will. Mag ein Teil der Leserschaft hier die Luft durch die Zähne ziehen – dazu besteht kein Grund: Terminologiearbeit ist nicht Gegenstand dieser Abhandlung und soll sie nicht unnötig verkomplizieren. Solcherart also – oder wie auch immer – in einen erweiterten und empfänglichen Geisteszustand versetzt, beginnt der Coleopterenterologe zu ahnen, zu erfassen und schließlich zu begreifen:

Die Lehmpanzerrüssler erschaffen ihr Ebenbild. Einst wälzten sie sich am Boden und beluden ihre zart beborsteten brokatähnlichen Flügeldecken mit Staub, vielleicht bewarfen sie auch wie ihre entfernten Verwandten, die Elefanten, einander damit, und irgendwann kam es einem Individuum ein, leicht angefeuchtetes Substrat zu einem Brocken zu formen – und siehe, sie erkannten sich darin wieder. Tut denn das nicht jedes Menschenkind mit nahezu allem, was es zwischen die Finger bekommt: Brocken formen? Und wer von uns könnte sich ihm schon entziehen, dem Zauber der Moai?* Unweigerlich drängen sich ferner die Nazca-Linien ins Bewusstsein – Werke auf höherem Erkenntnisniveau, gewiss, Abbilder von Mitlebewesen in gigantischen Ausmaßen, aber doch von geradezu frappierender Parallelität: geschaffen ganz offensichtlich von Bodenbewohnern durch Bearbeitung der Erde** … in einer Gegend, die, ganz nebenbei, einmal von krallenbewehrten Großsäugern wie Megatherium besiedelt war.

Creator terrestris – das wäre ein angemessener Name für den produktiven Rüssler, den ich hiermit vorschlage. Ja, die Offenbarung eines solchen Genies verlangt, ihn in eine eigens geschaffene Gattung einzuordnen und zu einer gänzlich neuen Art zu erheben. Aber ach, ich verfalle schon wieder in die Anthropozentrik – was schert den Käfer denn ein Name, und sei es ein sogenannter wissenschaftlicher, den ihm fremde, trampelige Kolosse überstülpen, welche seine spirituelle Welt nicht im entferntesten tangieren? Wobei der linguistische Aspekt keineswegs uninteressant ist: Etliche der beteiligten und benachbarten Lexeme – Käfer, Kräuter, Kruste, Krümel, Küken, Rüssel, Kolibri, bradipo, Brocken, Borste, Rano Raraku, Rauserause, Astronaut usw. usf. – bilden nicht nur phonetisch, sondern auch semantisch einen kohärenten und durchaus aufschlussreichen Komplex; aber das wäre an anderer Stelle weiter auszuführen. 

Möglicherweise auch noch zu sehr dem menschlichen Selbstverständnis verhaftet ist eine letzte Betrachtung, welche diesen Aufsatz vorerst beschließen soll, um die Rezeption nicht mit einem allzu großen Brocken fremdartigen Denkens zu überfordern: Der rare Traphychloeus stupulatus, zierlicher von Statur und mit größerem Kopf im Verhältnis zum Körper sowie kräftigeren Fühlern, dazu lebhafter im Auftreten und nachtaktiv, entspricht in jeder Hinsicht dem Typus des noblen Feingeists, des Gebildeten und Empfindsamen, des Denkers und Schöpfers. In seinem Auftrag, nicht anders kann es sein, errichtet Romulius die ewige Stadt … bzw. die Terrakotta-Armee … ähem – nein, wo waren wir stehengeblieben? Die Hinkelballen, jawohl. 

À suivre.

 

Fazit

S. o., o. g. o. Bzw. a. u. (Verstaubtes Publizierkorsett!)

 

* Dieser Gedankensprung mag Nichterleuchteten abrupt erscheinen, darum eine kurze Erläuterung: Sicherlich unterscheiden sich die Tuffsteinskulpturen von den Erdkügelchen grundlegend durch ihre Fertigungstechnik, kulturell jedoch spielt das eine völlig untergeordnete Rolle. Auf Rapa Nui war Erdboden eher knapp, zudem ist der Standort Niederschlägen und heftigen Winden ausgesetzt, sodass ungebrannte Konglomerate (auch an Ton und Brennmaterial mangelte es) nicht lang überdauert hätten. Entscheidender ist wohl das Zivilisationsalter: Mit fortschreitender Entwicklung dominiert der Abbau gegenüber dem Aufbau –­ ein nahezu universell gültiger Satz. 

** Und die ist rund! Traurig, diese Tatsache im 21. Jahrhundert manchmal noch affirmieren zu müssen.

 

Literatur (Auswahl)

Adams, Douglas 1979, 1989, 1982 u. 1984: The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy. The Trilogy of four. Picador, London 2002.

Carroll, Lewis 1876: The Hunting of the Snark. Illustrated by Tove Jansson. Tate, London 2011.

Eco, Umberto 1988: Il pendolo di Foucault. Tasciabili Bompiani, Milano 1988/2000.

Fabre, Jean-Henri 1879–1907: Souvenirs entomologiques. Éditions Robert Laffont, Paris 1989.

Jarry, Alfred 1901–1903: La chandelle verte. Lumière sur les choses de ce temps. Le Livre de Poche, Paris 1969.

Lem, Stanisław 1951: Der Planet des Todes. Verlag Volk und Welt, Berlin 1954.

Rheinheimer, Joachim & Hassler, Michael 2013: Die Rüsselkäfer Baden-Württembergs. Verlag regionalkultur, Heidelberg 2013.

Stoll, Heinrich Alexander & Fietz, Waldemar (Hrsg.) 1961: Die Brücke am Janiculus. Römische Sagen. Kinderbuchverlag Berlin, 1983.

Stümpke, Harald 1957: Bau und Leben der Rhinogradentia. Fischer, Stuttgart 1961.

Szameit, Michael 1983: Im Glanz der Sonne Zaurak. Verlag Neues Leben Berlin, 1983.

White, T. H. 1939: The Once and Future King. Berkley, New York 1985.
 

Jede Honigbiene sticht anders

las ich in einer Studie der Universität Konstanz[i]

und dass sie nicht nur dieses krasse Schwarmverhalten zeigten 

sondern gewissermaßen eine eigene Persönlichkeit hätten

diese Honigbienen der Universität Konstanz

und ich dachte wie

wenn wir alle Honigbienen wären 

und eine tiefe undurchdringliche Persönlichkeit hätten

die uns selbst verborgen wäre natürlich

zumindest am Anfang

und wir wüssten also nie genau

wann uns das alles zu viel würde

und wann wir zustechen würden

und ob überhaupt 

oder ob wir buddhistische Leidenschaften entwickelten 

wie im echten Leben

wir wöllten ja gern weiterleben und nicht sterben 

ohne diesen Stachel tief in uns drin

der unsere Essenz wäre

und uns nur einmal leben ließe

und wir müssten tagein und tagaus voreinander tanzen

um uns verständlich zu machen

um uns uns selbst verständlich zu machen

in unserem Wissen um Nektar und Blütenstaub

& in unserer radikalen Subjektivität

in unseren Konditionalkonstruktionen des Glücks

& in unserem Begehren

dort im Möglichkeitsraum der Affekte

würden wir voreinander tanzen

und unsere Erfahrungen abgleichen miteinander

und unser Tanz wäre wie Schrift im Raum 

würden wir denken

und die Gegenwendigkeit unserer Begriffe austesten

mit kleinen Bewegungen unserer Hüften

und Flügel

wenn wir Honigbienen wären 

wie im echten Leben

und philosophisch darüber nachdächten

mit Wittgenstein oder den Phänomenologen

 

[i] https://www.tagesschau.de/wissen/forschung/bienen-stechtest-100.html ; https://royalsocietypublishing.org/doi/full/10.1098/rsos.241295

Innenohr

 

                            …wenn es im Sein beharren will (J. W Goethe)

 

so viele häutungen bis das schillern

beginnt der glanz des chitin das

knistern der flügel membran

ich sah die libellen im tandemflug bald

sinkt im flügelgeäder das blut kommt

der kurze aufstieg ins leichte zu fall

während im wasser die außenskelette

und innenleben wachsen fangmasken

werfend kälte ist immer das ende oder

ein fressfeind was wir brauchen ist

außen wärme und eine konstanz im

innenohr

 

                                    Monika Littau

 

Fotocredits: Egor Kamelev: https://www.pexels.com/de-de/foto/tilt-shift-lens-fotografie-von-braunen-und-schwarzen-insekten-762949/

 

Rosenkäfer

Goldglänzender, dessen Imago sich

ein süßes Verdämmern im Inneren

der Rosenblüte gönnt, in der nämlichen

Pflanze jedes Jahr von neuem einer.

Also in einen Abgrund gelegtes Bild.

Auf dass es sich wiederhole, durch die

prachtvoll fetten Engerlinge und ihren

himmelnden Blick. Über Jahre hinweg der Körper.

 

Chromglänzender Lockenkopf, bändigungslos

im buntblühenden Bündel um den Panzer.

Blüten in den Lauf der Maschine, verholzte Schuhe.

Flauschige, flashige, also üppigste Blumenpracht

            wirr durcheinander, einzeln, dann zugleich,

            wild holdes Blumengedränge

            wie soeben aus dem Schlafe aufgeschreckt.

Wiese, die ihre Schnitterin kennt, wie Wölkchen.

 

Grünglänzender Käfer, also

goldglänzender Schläfer in einer fälteligen Strauchrose,

einer rosanen, duftenden, in der man den Cetonia

jährlich entdeckt, wenn die Nase sich hineintauchen will.

Voll mit Pollen und wohl wenig bekümmert um uns,

rings im Rosenbett so wenig Lüstling, so wenig

Überlebender des Heliogabal wie die Ameise

keine Gärtnerin, die voll Sorgfalt einen Borretsch

vermehrt, unseren Borretsch, wie ich es nie könnte.

 

Blüten in den Lauf der Maschine, verholzte Schuhe.

Wiese, die ihre Schnitterin kennt, ihre Zaunlatten.

 

                                                            Tobias Roth   

 

Tobias Roth ist Lyriker und gibt im Sukultur Verlag Berlin/Hamburg die Grüne Reihe heraus, die sich mit Themen des Gartens im weiten Sinn beschäftigt, also dem Ineinander von menschlichem und nichtmenschlichem Leben.

Fotocredits: linkes Bild: Dorit Löffler, rechtes Bild: Tobias Roth

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