Zur Philosophie des Entomonischen

Zur Philosophie des Entomonischen

Diese Seite versammelt philosophische Ideen und Überlegungen zu den Lebensformen von Menschen und Insekten, zum Großen Verschwinden, zum gegenseitigen Verstehen und zur menschlichen Verantwortung für den Erhalt der ökologischen Vielfalt und der Schönheit des Lebendigen. – Von Ludwig Wittgenstein bis Gilles Deleuze, von Henry David Thoreau bis Donna Haraway - usw...

Florian Wobser
Der Staat und ich – und sie 
(oder: Alexander Kluge und das Gewimmel)

Auch die gewissen Lücken zwischen Klassen sind aus divergenten Perspektiven zu beurteilen; das gilt etwa für die humaner und anderer Tiere, u.a. den human-insect-gap, der realistisch groß  zu halten oder rhetorisch bis poetologisch zu minimieren ist bis auf eine kleine Differenz. »Aber selber fühlen, wie es ist, sich auf akustische Weise im Raum zu orientieren, also ›mit den Ohren zu sehen‹, können wir nicht«, betont auf vomverschwinden.de entschieden Peter Heuer, Biologe und Philosoph, zur ›Philosophie des Entomonischen‹ mit Bezug auf jenen so berühmten Aufsatz von Thomas Nagel. Solch eine Unterscheidung wird immer da sein. Um die Identität kategorial hervorzuheben, beruft sich Nagel im Kontext theoretischer Philosophie statt auf Insekten auf die Fledermaus. Die fliegende Maus ist Säugetier – so wie wir. Selbst für diese beiden Tiere gilt also eine erkenntnistheoretische Kluft; wie viel größer ist diese im Vergleich bei Ein-Ordnungen lebensweltlich entfernterer Lebewesen, etwa von Insekten und Menschen!

Meister des Unterscheidens winziger oder riesiger Differenzen ist und bleibt Alexander Kluge. Als Postmarxist widmete er sich nicht allein speziell den Klassen, sondern genauso intensiv der Evolution generell, was sich zum einen im opulenten Gesamtwerk in vielerlei Rückgriffen auf Naturgeschichte im Stile Kritischer Theorie zeigt. Zum anderen, zugleich, zeugen davon einige Bereiche in dem Menü seines Web-TVs, das als partielles Archiv der TV-Beiträge seit Mai 2009 online steht. So finden sich auf dctp.tv etwa viele Gespräche (manche davon werden von Kluges namenlosen Assistenten geführt) mit wissenschaftlichen Gästen aus verschiedenen Disziplinen zu Fragen und Themen, die für die Besucher:innen dieses Blogs – wie es Kluge, selbst begeistert von der Materie, darin mehrfach betont – interessant sein sollten. Doch das Faszinierende liegt nicht allein im Gegenstand, sondern vor allem in der dialektisch-phänomenologischen Haltung, die Kluge mit seinen Gästen einzuüben scheint. Ein Movens dieser vitalen Versuche liegt kaum in analytischer Klarheit, eher im Versuch, minimierte Unterschiede zwischen Tieren synthetisch umzuwenden und nach dem Kriterium des Eigensinns, einer Art von élan vital (Henri Bergson), den wir als schöpferisches Modell der Evolution mit allen Tieren teilen, anders zu perzipieren und zu reflektieren. Seriösere Einsichten aus den Naturwissenschaften werden dabei im Modus heuristischer Stunts mit Kulturwissenschaften verknüpft, führen zu einer praktisch-ästhetischen Weise des Philosophierens, der es genauso um skurrile Details wie das große Ganze geht.

In Beiträgen im Menüpunkt Das Jahrhundert der Biologie widmet sich Kluge mit den Gästen im Vollzuge inkorporierter und instantaner Perspektivwechsel diesen Stunts und vielen Tieren. Nicht zuletzt der Fledermaus, die er z.B. mit Manfred Kössl, Komparatist für die Sensorik und Neurobiologie der Insekten und Säugetiere, explizit expressiv thematisiert. Darüber hinaus gibt es dialogische Durchdringungen ausgewählter Insekten: Neben Fliegen speziell Bienen/Wespen sowie Ameisen. Letztere Tiergruppen teilen die Fähigkeit, Staaten zu bilden, eine soziologisch und politologisch frappante Eigenschaft, die auch wir seit einiger Zeit besitzen. »in den staaten der ameisen gibt es keine scham«, beobachtet wiederum der Lyriker Jakob Leiner, wohl korrekt, in seinem Beitrag auf diesem Blog. Hiermit markiert er literarisch das Problem, das Peter Heuer naturphilosophisch und -ethisch bekümmert. Die praktische Tugend der Empathie ist begrenzt, bei uns ohnehin, aber erst recht bei jenen anderen. Daher gibt es nicht nur Vampir-Fledermäuse, genauso Sklavenhalter-Ameisen. Die Haltung von Kluge zeigt sich u.a., indem er im Jahre 1996 im Gespräch mit Zoologin Marianne Oertl avant la lettre die anthropozäne Denkfigur verfolgt, dass die hohe Aggressivität der Ameisen sogar der der Menschen Konkurrenz mache (Abb. 2), jedoch ohne sich destruktiv, wie dessen Wirkmacht, gegen den von den Arten geteilten Planeten zu wenden. Diese Vergleichsdimension zwischen Mensch und Ameise denkt Kluge gemeinsam mit Gästen nicht nur auf dialektische Weisen; immer wieder konkretisiert er Gemeinsames und Verschiedenes durchaus zugespitzt in experimentellen Vergleichen, womit phänomenologisch charakterisierte Arten zueinander in Beziehung gesetzt werden.

Auch sein Gespräch mit Kulturwissenschaftler Niels Werber leitet Kluge über wirrem Free Jazz abermals mit wimmeligen Aufnahmen ein (Abb. 4 und 6 bzw. 1 und 3). In den frühen Passagen dominieren darin ausgehend von Karl Marx historische Deutungsmuster zu Monarchismus oder Republikanismus der Ameisen im Vergleich zur Biene (Abb. 5) bis hin zur herben Enttäuschung des Historikers Jules Michelet über die Mentalität der Insekten (03:53-07:53). Ameisen werden erneut zu einem Zerrspiegel des Menschen: Etwa sei Ernst Jünger von ihnen fasziniert gewesen, indem Gasmasken im Graben die Menschen selbst wie jene hätten wirken lassen; Carl Schmitt habe sich damit bezüglich der als Problem beurteilten Individualität beschäftigt. Der Schwarm aber weise zahlreiche Aspekte des Glücks und Unglücks auf (25:59-29:16). Hiermit verbunden ist wiederum die übergeordnete Frage nach Individualität und Gesellschaft: Direkt wird hierzu der Evolutionsbiologe James H. Hunt befragt (ab 17:55), während die Biologin Sylvia Cremer bei Ameisen einige Genderaspekte samt Sexualverhalten inklusive dadurch motivierter queerer Tricks (ab 11:28) im Austausch mit Kluge ins Zentrum stellt.   

In den beiden Unterhaltungen mit Zoologin Oertl (ab 13:21) und Kulturwissenschaftler Werber (ab 01:53) lässt Kluge dem Gast jeweils den insbesondere im Vergleich zum Menschen auffällig unterschiedlichen Körper jener Insekten und dessen Funktionen des Wahrnehmens beschreiben (einmal mehr nicht ohne diesen visuell, realistisch wie phantastisch, zu inszenieren; Abb. 7-9). Dadurch tritt im diskursiv wie visuell inszenierten Kontrast indirekt auch die eigene leibliche Körperlichkeit des Menschen hervor. 

Immer neue, immer andere Wechsel der Perspektive zwischen Menschen-Tier und Insekten sind ein Ausdruck eines unhintergehbaren Anthropomorphismus, der Merkmal von Empathie sein, aber auch als Kolonialismus einer Spezies über andere gelten kann. Risiken dieser Ambivalenz kann Kluge nicht auflösen, der in den besten Momenten des Intervenierens in oben angeführten Dialogen beinahe Theoriekitsch zu folgen scheint, der aber die Einsichten aus der Kontroverse um das Anthropozän ernst nimmt, dass alle Akteur:innen auf Erden deren planetarer Tiefenzeit ausgesetzt sind. Darin liegen viele Linien der ›Dis-Kontinuität‹ im Lebendigen, die gewöhnlich diagrammatisch als Baum skizziert werden. Bei Kluge aber weist Evolution vielmehr, das meint oben Instantaneität, Züge eines Rhizoms auf, mit heterogenen natürlichen Überlappungen und kulturellen Überschreitungen. Damit ist eine Leiblichkeit gegeben, worin das Faszinierende am inter- bis transdisziplinär verhandelten Sujet enthusiastisch markiert und zu Verkörperung wird. Das Interesse meint den Wunsch, Biodiversität zu retten, der in Kluges Formaten auch kulturell vielfältigen Ausdruck erhält. Modell dafür ist abermals ein (Nessel-)Tier: Kluge nennt das alles ›Korallenriff des Interesses‹. Nimmt man dieses konzeptionelle Bild ernst, das auch Darwin als Alternative zum Baum aufgegriffen hat, meint es Vitalität und Prekarität zugleich. Anders als bei Korallenriffen, die viele bereits aufgrund steigender Erderwärmung als verloren beurteilen, wird Insekten grundsätzlich »enorme Robustheit« attestiert. Mit dem Neurobiologen Randolf Menzel spricht Kluge am Ende ihres Beitrags (ab 41:30) sogar über verheerende Wirkungen jener perfiden Neonicotinoide, die ebenso der Kollege Heuer auf diesem Blog problematisiert; diese Gifte knacken im Konkreten die ›Robustheit‹ der Hummeln und weiterer kleiner Flugtiere – in raumzeitlicher Abstraktion bleiben diese Tiere allerdings doch ›robust‹. Folgt man dieser Einschätzung, mögen viele ihrer Arten bereits verloren sein und noch verschwinden; doch auch in einer Logik des Anthropozäns wird so klar (selbst wenn diese zu einer gewissenhaften Politik des Staates mit ökologisch sensibilisierender Bildung führen sollte), dass Ameisen und andere Insekten uns (in absehbarer Zeit selbst etwa 10 Milliarden) nach dem Kriterium schierer Masse, des Gewimmels, evolutionär überlegen sind. Wie es Kluge uns in vielerlei Variationen aufzeigt, ist das Gewimmel im Vollzuge einfühlsamen Sich-in-Beziehung-Setzens zwar ein Teil von uns, doch nicht wir werden sie, sie werden uns in der Summe überleben; eine Pointe, die besonders nur die Klassen der Insekten und Säugetiere meint, was zuletzt keineswegs heißen soll, dass es neben unzähligen Individuen nicht auch viele Arten kosten wird.

 

Dr. Florian Wobser interessiert sich bis auf Weiteres an der Universität Passau für Bildung/Didaktik, Medien und Ökologie; er hat zu Alexander Kluges TV-Formaten als Bildungsprojekt promoviert.

 

Peter Heuer

Nachhause finden

Eines vorab: auch wenn es möglicherweise überwältigend schön wäre, zu fühlen wie ein Schmetterling, eine Hummel oder eine Grille – es kann nicht gelingen. Wir bleiben immer wir; ich bleibe ich und du bleibst du. Schon wie andere Menschen sich genau fühlen, also wie es sich aus ihrer Innenperspektive heraus darstellt, zu leben und er oder sie zu sein, können wir nur mutmaßen; und das, obwohl wir alle die gleiche Anatomie und Physiologie haben. (Die Philosophie nennt diese Erkenntnisbarriere problem of other minds.) Erst recht sind unserer Einfühlung oder Anverwandlung Grenzen gesetzt, wenn Anatomie und Physiologie der Wesen, in die wir uns hineinversetzen wollen, von der unseren verschieden sind, wie es bei Individuen anderer Arten von Säugetieren, bei Vögeln, und erst recht bei Insekten naturgemäß der Fall ist.

Der US-amerikanische Philosoph Thomas Nagel hat diesen Gedanken bereits 1971 am Beispiel der Fledermaus durchgespielt in einem Aufsatz mit dem Titel „What Is It Like to Be a Bat?“. Zwar ist es uns theoretisch möglich, so Nagel, zu begreifen, dass Fledermäuse sich akustisch mittels sogenannter Hörbilder orientieren, indem sie hochfrequente Töne ausstoßen und deren Rückhall zur Orientierung nutzen. Wir können diese Schreie aufnehmen und in einen für uns hörbaren Bereich transformieren, also hörbar machen, und wir können mittels Echolot die Hörbildorientierung sogar technisch nutzen. Aber selber fühlen, wie es ist, sich auf akustische Weise im Raum zu orientieren, also „mit den Ohren zu sehen“, können wir nicht. Nun wird man einwenden wollen, dass es doch aber Empathie gibt, und sie bedeutet gerade Einfühlung in einen anderen. Jedoch, wenn man es genau betrachtet, ist Empathie keine wirkliche Übernahme von dessen Innenperspektive, sondern nur so etwas wie ein Perspektivwechsel (was viel wert sei kann, um andere zu verstehen). Wer empathisch ist, vermag es, sich in die Situation einer anderen Person bzw. eines anderen Wesens so weit hineinzuversetzen, dass er sich vorstellen kann, wie es ihm selbst in dieser erginge. – Auf diese Weise kann man beispielsweise auch nachfühlen, wie es sich anfühlt, nachhause zu finden; und wie schlimm es sein muss, dies plötzlich nicht mehr zu können.

 

Um den Befall mit Blattläusen zu verhindern, kamen in den 2000er Jahren sogenannte Neonikotinoide in Gebrauch. Das sind Insektizide, die nicht mit dem Herbizid Glyphosat zu verwechseln sind. Insektizide und Herbizide gehören zwar zur übergeordneten Gruppe der Pestizide, bekämpfen jedoch unterschiedliche Schadorganismen. Neonikotinoide sind synthetisch hergestellte, nikotinartige Wirkstoffe, die von den Pflanzen über deren Wurzeln oder Blätter aufgenommen werden. Meist reicht es aus, das Saatgut der Pflanzen zu behandeln, um einen lebenslangen Schutz zu erreichen. Insekten, die an den behandelten Pflanzen fressen, saugen – oder auch nur deren Pollen sammeln bzw. Nektar trinken, vergiften sich. Neonikotinoide sind Nervengifte. Die Wirkstoffe binden sich anstelle der körpereigenen Transmitter an die Rezeptoren von Nervenzellen und behindern so die natürliche Weiterleitung von Nervenreizen. Das Insekt verliert die Orientierung, und zwar, soviel wir wissen, irreversibel. Im Falle von Bienen und Hummeln wirkt sich das so aus, dass sie nicht mehr nachhause in ihr Nest finden können, sondern unterwegs verloren gehen. Auf diese Weise kommt auch das von ihnen gesammelte Futter wie Nektar und Pollen nicht dort an. Die Larven können nicht damit versorgt werden und verhungern. Das kontaminierte Futter allerdings würde die Jungtiere ebenfalls vergiften. Auf diese Weise schrumpfen in der Umgebung behandelter Pflanzen die Bienen- und Hummelvölker nach und nach, bis sie schließlich komplett verschwinden.

 

Zwar kann niemand von uns selbst fühlen, wie es einer Biene oder Hummel geht, wenn sie den Sinn verloren hat, der sie bisher nachhause geleitete. Im Unterschied zu unserem Wissen über das Echolot der Fledermäuse wissen wir noch nicht einmal, wie dieser Sinn technisch funktioniert. Jedoch – wir können überlegen, was es für uns selbst hieße, in ihrer Situation zu sein – und nebenher, was bei ihnen vielleicht anders sein mag als bei uns.

Spielen wir einmal verschiedene Versionen von Orientierungslosigkeit durch: Eine erste mögliche Gefahr für das Nachhausefinden ist es, sich zu verirren. Aber das ist verglichen mit einer Neonikotinoid-Vergiftung weniger katastrophal. Wer sich verirrt hat, weiß zwar momentan nicht, welchen Weg er gehen muss, aber er hat nicht grundsätzlich das Vermögen verloren, sich zu orientieren. Die vergiftete Biene hingegen hat gerade dies. Auch kann sie im Unterschied zu uns niemanden nach dem Weg fragen. 

Eine weitere mögliche Gefahr ist zweitens der Vollrausch. Aber auch er ist vergleichsweise unproblematisch. Alkoholintoxikationen gehen vorüber. Nachdem der Rausch ausgeschlafen ist, kehrt das Orientierungsvermögen zurück, wo immer man unterdessen auch gelandet sein mag. Das ist bei vergifteten Bienen und Hummeln anders.

Am ehesten gleicht die Situation der Insekten drittens einer Person mit Demenz. Diese leidet unter einem völligen und irreversiblen Verlust ihres Orientierungsvermögens. – Nur wird einzelne Insekten niemand als vermisst melden und ihnen also auch keine Hilfe von außen zuteil werden lassen. Niemand wird sie nachhause führen. 

Für uns ist schon die zeitweilige Ungewissheit über einen zu gehenden Weg verstörend. Wer sich verlaufen hat, wird panisch, entwickelt beispielsweise den Drang, immer schneller zu gehen. Von Bienen wissen wir nicht, wie sie sich fühlen, wir beobachten lediglich, dass sie zuhause nicht ankommen. Wahrscheinlich fliegen sie planlos, solange ihre Kraftreserven reichen. Dann setzen sie sich erschöpft auf den Boden. Schließlich bricht die Nacht herein, für deren Kühle und Feuchte sie außerhalb ihres Nestes und ohne ihre Gemeinschaft nicht gerüstet sind. Sie erstarren und sterben. 

Das Bienen und Hummeln derart enden, will eigentlich niemand, und immerhin sind die drei bienengefährlichsten Neonicotinoide (Imidacloprid, Clothianidin und Thiamethoxam) in der EU inzwischen für den Einsatz im Freiland vollständig verboten. 

 

Peter Heuer studierte Biologie und Philosophie und arbeitet am Zentrum für Lehrerinnen:bildung und Schulforschung der Universität Leipzig. Er bildet Seiteneinsteiger ins Lehramt Ethik/Philosophie aus. Sein wissenschaftliches Interesse gilt der Philosophie der Biologie. Seine wichtigste Publikation ist „Leben als Sein“. In diesem Buch wir das biologische Leben aus naturphilosophischer Sicht reflektiert. 
 

"Mooshummel" - aus der Bilderserie: "Insekten von der Roten Liste" von Dorit Löffler

Wald aus Bienen

Und als wir den Bienen im Wald 

ein neues Zuhause gaben

mit unseren Körpern

ein neues zu Hause gaben

und sie in uns hineinfliegen ließen

und sie in uns hineinstechen ließen

und kleine anaphylaktische Schocks auslösen ließen in uns

um unsere Körper zu testen

bevor noch der Winter kommt

oder um unsere Eltern zu testen

bevor noch der Winter kommt

und wie sie darauf reagieren würden

wenn unsere Arme und Beine und Körper plötzlich 

anzuschwellen begännen

wenn wir wie riesige anaphylaktische Ballone würden 

die hinaustrieben bis in die Stratosphäre 

und das Wetter beeinflussten

und das Klima beeinflussten

beim Durchstoßen der Cumuluswolken

mit ganz viel Bienen in uns drin

die wir retten wollten 

vor Glyphosat, Bayer und Monsanto

oder dem Winter

der kommen wird

mit Apis C200 

und diesem Gedicht

mitten im Wald – 

summ summ summ – summen wir

in uns drin

wie fliegende Honigpumpen vor dem Bienensterben

Joseph Beuys sei Dank

                                     

                                                        Kurt Mondaugen

 

Bild-Credits: Kurt Mondaugen

Für die Allgemeine Wollschweberei!

Die Möglichkeit

eine neue Lebensform zu finden

ein Fell zu haben

und sich in die Luft zu erheben

und die Allgemeine Wollschweberei zu predigen

meinten die Frühromantiker 

das wäre die Aufgabe 

und die Unterkunft in der wir lebten

von nun an

in diesem apokalypsierenden Zeitalter 

uns ein Kostüm aus dem Fundus

der Evolution überzustreifen

und den Schwirrflug zu üben 

mit unseren metaphysischen Flügeln

in der Luft zu stehen wie Novalis

vor den blauen Blumen der Sehnsucht 

und Nektar oder Blütenstaub 

oder Ambrosia zu saugen

mit unseren Saugrüsseln

die aussähen wir Stachel

die aussähen wie dialektische Stachel

das wäre die Aufgabe

von uns und den Wollschwebern

 –  aber sei’s drum:

für die Weltrettung tun wir doch alles!

 

Kurt Mondaugen

 

Fotocredits: Von Reinhold Möller, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=79213948

 

Tier-Werden 
mit Gilles Deleuze

„…das Tier-Werden (hat) nichts Metaphorisches an sich. Es ist kein Symbolismus und keine Allegorie. Auch nicht das Resultat eines Mangels oder eines Fluchs. Es ist, wie Melville vom Wal-Werden seines Kapitäns Achab sagte, ein „Panorama“, kein „Evangelium“. Es ist eine Karte der Intensitäten. Ein Ensemble von klar unterschiedenen Zuständen, die der Mensch durchläuft, während er einen Ausweg sucht. Eine schöpferische Fluchtlinie, die nichts anderes als sich selber ausdrücken will.“

Deleuze, Gilles / Felix Guattari (1976). Kafka – Für eine kleine Literatur, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, S. 50

Interesse an Wäldern ...

"Wenn ein Mann die Hälfte eines Tages in den Wäldern aus Liebe zu ihnen umhergeht, so ist er in Gefahr, als Bummler angesehen zu werden; aber wenn er seinen ganzen Tag als Spekulant ausnützt, jene Wälder abschert und die Erde vor der Zeit kahl macht, so wird er als fleißiger und unternehmender Bürger geschätzt. Als wenn eine Gemeinde kein anderes Interesse an ihren Wäldern hätte, als sie abzuhauen!" 

Henry David Thoreau: "Die Welt und ich", aus den Tagebüchern, Schriften und Briefen ausgewählt und übertragen von Fritz Krökel. Gütersloh: Bertelsmann, 1951. S. 225

Raum

 

wie sie es schafft 

rechte Winkel zu fliegen

die Flügel werden zur Seite geklappt

und weiter geht’s 

 

virtuelles Pingpong

ohne die Wand berühren zu müssen

formt sie den Grundriss

 

sie spielt das Zimmer 

in immer neuen Versionen durch

verwandelt die Stube 

in eine eckige Spirale

 

das Fenster 

das stundenlang offen steht 

ist ihr völlig egal

 

Udo Grashoff

 

Bild: Dorit Löffler

Nature Writing mit Libelle

Anfang Juni

in der Mitte des Bildes (sich selbst) verborgen

im hohen Gras 

des eigenen Lebens, denkst Du

im Rauschen des Windes

der durch die Halme geht

an denen Du Dich festhältst

für einen Augenblick noch

wie an diese Metapher

die sie für Dich finden werden – garantiert

denkst Du 

die Nature-Writing-Situationisten – sie können nicht anders

nur um dann doch irgendwann

Deine durchsichtigen grünen Flügel auszustrecken

zwischen den Zeilen

und davon zu schwirren – 

–      –      – 

–      –   denkst Du  –      –

–    und dieses Gedicht hinterher!

 

                                                Kurt Mondaugen

 

Fotocredits: Kurt Mondaugen

Chaostheorie

Unbeschwert trifft

mich dein Flügelschlag

von Tragweite

durchzogen –

 

Klangfarben

zeichnen sich

in lichtbrechenden

Aderrissen

auf deinen Fächer

 

Wanderfalter

Lass mich

noch einmal

staunen:

 

Öffne

deine Flügel

Entfalte

das Chaos

in mir

 

Andreas Köllner

Aus: „Wortufer“, Verlag der 9 Reiche 2024.

Fotocredits: CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=478597

AUSBEUTUNG

 

10 prozent aller bekannten tierarten

sind schmarotzende insekten sie leben

auf kosten anderer

 

die überwiegende zahl aller lebewesen

parasitiert das ist der 

ressourcenerwerb mittels fremdorganismus

 

nahrung sind zumeist flüssigkeiten

der wirtskörper sie reagieren zeitperspektivisch

mit antagonistischer evolution

 

haustorien saugrüssel nissen flagellen

hat die natur hervorgebracht

gemeinhin ist endo letaler als ekto

 

bei säugetieren herrscht grosses leid

dort schlummern die einzeller bis ins gehirn

ob blut eiter tränen es wird getrunken

 

freund oder feind ist nicht immer einfach

vielleicht sekundärer krankheitsgewinn

häute und ihre öffnungen

 

sind der umwelt eintrittspforten

das lebendige jagt und wird gejagt moral

aber ist die kategorie des verstandes

.

 

 

 

EU SOZIAL

 

in den staaten der ameisen gibt es keine scham

was trägt ist konzentrierte entwicklung das hundertfache

körpergewicht zulasten einer beinlosen larve

 

nehmt nicht reissaus reinigt die ovipare königin

dieses baucenters wo die schmackhafte funga floriert

manch ein pilz ist schlauer ohne gehirn er einzellt

 

auf den strassen wallen die pheromone stau

gibt es keinen der agentenbasierte algorithmus

sagt ein umweg röche schlecht gehorcht unser volk

 

das konflikte auf leben und tod intern regelt 

umsturzfantasien zerpflückt bis die rebell:innen 

kooperieren das sklaven hält und kriege führt

 

brutverlust ist gleichbedeutend mit dem eigenen ende

.

                                                           Jakob Leiner

 

 

Die "dunkle Seite" der Insekten?

Emailkorrespondenz zu den nebenstehenden Gedichten von Jakob Leiner 

 

Betreff: Einsendung

Sehr geehrte Damen und Herren, 

für Ihr Projekt „Vom Verschwinden“ finden Sie anhängend zwei meiner (unveröffentlichten) Gedichte, die sich evtl. für eine Online-Publikation eignen.

Vielen Dank und beste Grüße

Jakob Leiner

 

Betreff: Re: Einsendung

Lieber Herr Leiner,

wir haben uns im Team intensiv mit den von Ihnen zugesandten Gedichten befasst (intensiver als mit allen anderen bisherigen Zusendungen). Die Gedichte haben ästhetisch ihre eigenständige Berechtigung. Aber für uns erschließt sich rein kontextlos aus dem was wir als „Botschaften“ aus den Gedichten lesen, nicht wirklich, inwiefern Sie mit genau diesen Gedichten das Forschungsprogramm des Projektes (siehe Website, insbesondere das „Entomonische Manifest“) glauben, unterstützen zu können. Die „Botschaften“ der Gedichte (so wie wir sie lesen, gehen ja eher sehr einseitig in eine Art „darwinistische“ Richtung (wir oder sie) statt zumindest schillernd auch in Richtung „Konvivialismus“ angesichts des globalen Arten- und Insektensterbens (wobei Moral für uns im Projekt tatsächlich eine „Kategorie des Verstandes“ und zugleich des „Herzens“ ist, auf die wir durchaus mit abzielen). 

Wir sind uns durchaus der „dunklen Seite der Insekten“ bewusst, und das ist auch eine Forschungsfrage, die uns umtreibt – und eine Reihe von Beiträgen auf der Seite thematisieren durchaus die Ambivalenz bzw. Ambiguität insektischer Lebensformen. Ihre Gedichte scheinen uns nicht nur sehr einseitig nur die „dunkle Seite“ zu betonen, sondern sie tun es auch in einer thetischen Apodiktik, die unsere oben beschriebene Irritation erzeugt. 

Wir wollen damit gar nicht sagen, dass wir eines der Gedichte nicht doch veröffentlichen könnten, aber uns würde vorab zunächst ein wenig Ihre Motivation interessieren warum Sie die Texte im Kontext unseres Forschungsprojektes für notwendige Impulse halten.

Mit herzlichen Grüßen aus Leipzig

Rainer Totzke / Kurt Mondaugen

 

Betreff: Re: Re: Einsendung

Lieber Herr Totzke, lieber Herr Mondaugen,

danke für Ihre Nachricht und Ihre Gedanken!

Um vorwegzuschicken: Ich finde Ihr Projekt spannend und wichtig, die beiden eingesandten Gedichte waren also gar nicht „dagegen“ verfasst. Auch habe ich sie gar nicht so apodiktisch gemeint, wie sie vielleicht klingen mögen. Darwinistisch, das mag sein, vielmehr ist ein "ärztlicher Blick“ in seiner Nüchternheit enthalten, den ich noch aus der Tropenmedizin oder Infektiologie kenne. (Dass Ärzte grundsätzlich das Schlimmste denken, stimmt natürlich nicht.)

Auch hier bin ich bei Ihnen: Wer die Insekten betrachtet, kommt um diese „dunkle“ Seite, wie Sie sie genannt haben (bzw. „natürliche“ Seite, denn im Gegensatz zu uns können sie ja nicht anders?), wahrscheinlich nicht herum. Aber die Wichtigkeit der Insektenarten im Sinne eines Konvivialismus und vor dem Hintergrund des Artensterbens scheitert ja nicht an einer fehlenden Nettigkeit, die den parasitären Lebensformen und auch den stammeskriegerischen Ameisen abgeht.

Abschließend könnte man also statuieren, dass meine beiden Gedichte zur phänomenologischen Gesamterfassung der Insekten beitragen wollen. Für die Ökosysteme und damit auch für unser (Über-)Leben sind sie bekanntermaßen unabdingbar. Als Säugetier, das ich bin, muss ich mich ihnen dennoch nicht unbedingt verwandt fühlen oder mich gern stechen/beißen lassen (anschlussfähiges Stichwort: Entomo- bzw. Akarophobie). Mit dieser Ambivalenz kann ich gut leben.

In diesem Sinne, beste Grüße,

freue mich auf Ihre Antwort

Jakob Leiner

 

Betreff: Re: Re: Re: Einsendung

Lieber Herr Leiner,

herzlichen Dank für die sehr ausführliche und anregende Antwort.

Wir haben uns im Forschungsteam noch einmal intern verständigt und haben einen Vorschlag: Wir fände es (ganz im Sinne des Forschungsgeistes unseres Projektes) gut, wenn wir Ihre beiden Gedichte in der Rubrik "Philosophie des Entomonischen" veröffentlichen könnten – und zwar zusammen mit unserer Emailkorrespondenz: linke Spalte (und größer gesetzt): die Gedichte / rechte Spalte (in kleinerer Schrift als „Kommentar“) die Emails. Wie gesagt: wir fänden das im Sinne des Forschungsansatzes und des Transparent-Machens des kollaborativen Nachdenkens sehr gut. Was denken Sie über den Vorschlag?

Herzliche Grüße

Rainer Totzke / Kurt Mondaugen

 

 

John Dewey zur Poesie und Philosophie der Insekten

Scribble: Kurt Mondaugen

Freidrehen vor den Wirbeltieren 

An Fäden, von unten kaum zu sehen, pendeln

grüne Panzer in Sturzflug. Ein Nachbau der Alpen.

Vor feinkörnigen Ablagerungen steht 

die ganze Familie., bewundert 

Metamorphosen in beleuchteten Vitrinen. 

Dieser totale Umbau des Körpers 

in der Puppenruhe, sagt Mutter, wie im Auftrag 

ausgeklügelter Kommunikation. Vielleicht, 

so Vater, sind wir als göttliche Entwicklungs-

illusion nur Antworten auf Mundwerkzeuge, 

Antennen, und zur Gänze vollzogene 

Häutungen. Die Söhne sehen Spannweiten,

Empires einer Biomacht, Vereinte Nationen von Gleitkunst.

Flieger-Traum im oberen Devon: Schuppen, 

Fühler, Facettenaugen. Ihre Wirbeltierlungen 

atmen mit hohlen Knochen. Dünn, dünn diese Zeit, 

so kommt sie allen vor, aber nahezu 

unzerbrechlich, irisierend wie eine Platte Chitin. 

 

Karla Reimert Montasser

(aus dem Gedichtband: „Picknick mit schwarzen Bienen“)

Karla Montasser ist Referentin für den Bereich Poetische Bildung am Haus der Poesie/Berlin

 

Bild: Erec Schumacher

Wittgenstein on Entomons

"Ich lag gestern auf einer Wiese und sah tanzende Insekten in der Luft. Sie leben um zu tanzen."

Instagram-Nachricht von Sanja an die Forschungsstation (6.3.2025)

Begleitpapiergedicht

Und ich ordne meine Begleitpapiere 

und will damit bei Dir bleiben alle Zeit

und dein Passagier sein

und dich begleiten durch das wilde Reich der Insekten 

taxonomisch nicht zu verwechseln

mit dem Reich der Entomons

das Du uns für uns ausdachtest

(wenn es das gibt)

will ich Dich begleiten 

tief hindurch 

durch Flügelschlag &

Tag & Traum

und Nacht & Nebel &

durch Orion & Beteigeuze

meinetwegen  

und durch das ganze Horoskop

(wenn es das gibt)

sogar am Firmament

in dem wir lesen können, wenn wir wollen

(und wenn es das gibt) 

dass alles immer schon 

auf uns hinausgelaufen 

oder zu deuten war 

zumindest

Eternity & Insekten-Liebe

auf der Milchstraße

oder auf der Ameisenstraße

und wir ordnen unsere Begleitpapiere

ganz in diesem Sinne 

jeden Tag

wie neu – 

das flirrende Glück

 

                                                Kurt Mondaugen

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