Berührung oder: Der Flügelschlag der Kupferglucke (Die Geschichte, wie diese Forschungsstation entstanden ist)

Übermannsgroße weiße, spuky leuchtenden Zylinder vor uns am Wegesrand… – Landekapseln von Außerirdischen in der Dämmerung? Zwischen Büschen und Feldsteinen und hohem Gras laufen wir ihnen entgegen diese Hügelkuppe hinauf – umschwirrt von letzten Insekten – irgendwo am Rand der Leipziger Tieflandsbucht. – Oder am Rand der Welt, denken wir plötzlich und schaudern ein bisschen. Und ein Zögern schleicht sich in unsere Schritte. Neben einer dieser leuchtende Landekapsel taucht plötzlich eine Frau auf. Insektenhaft tänzelt sie um die Kapsel herum. Hin und wieder streichet sie sie und zupft an ihr. Als wir näherkommen, erkennen wir, dass es sich bei der Landekapsel in Wirklichkeit um ein Zelt aus weißem halb durchsichtigem Gaze-Stoff handelt. Aus dessen Innerem dringt diffuses Licht. – Eine performative Kunstinstallation vermuten wir provisorisch: „Mysterien für alle!“ – denken wir mit Joseph Beuys und sagen sanft: „Guten Abend!“ 

Und die mysteriöse Frau (oder Performerin – wie wir denken) wispert mit beinah insektenhafter Stimme etwas ähnlich Klingendes zurück, und davon ermutigt fragen wir sie, was es denn mit dieser Kunstinstallation hier auf sich hätte. Und die Frau mustert uns beinahe eine Minute lang stumm und eindringlich mit ihren Facettenaugen – so als müsste sie sich erst rückversichern, dass sie uns wirklich die Wahrheit zumuten könne –, bevor sie uns – weiterhin mit diesem merkwürdigen Wispern in der Stimme – mitteilt, dies hier sei ein Fangnetz für nachtaktive Insekten, und dass sie in wissenschaftlich-entomologischen Auftrag die vom Verschwinden bedrohten Populationen der mitteldeutschen Nacht-Insekten erforschen würde. Und während sie das sagt, ist zugleich etwas Insektenhaftes auch in ihrer Körpersprache, so als hätte sie zu viel Kafka gelesen oder als wäre sie eben tatsächlich nicht nur ein Mensch, sondern zugleich auch ein Wesen aus einer ganz anderen Welt – ein Exemplar einer weit entfernten, scheuen Lebensform, in der sich Entomologin und Insekt in ihren Existenzweisen überschneiden würden… Sie wirkt als wäre sie ein Exemplar einer schüchternen, vom Verschwinden bedrohten Lebensform, für die uns später irgendwann der Begriff „entomonisch“ einfallen wird…

An diesem Abend jedoch denken wir erstmal nicht in Begriffen. Wir sind nur ein bisschen perplex und fasziniert von diesem scheuen artübergreifenden Wesen, das uns da als Entomologin gegenübersteht und uns Laien jetzt einfach mal das Wesen der Insekten erklärt oder zu verstehen gibt und uns spiegelt, dass wir eigentlich selber tief im Inneren scheue Wesen wären und auch selber bald vom Verschwinden bedroht sein würden – wie die Insekten. Und wir spüren plötzlich selber mit allen Fasern unserer uns selbst nun schon leicht metamorphotisch anmutenden Körper.

Und auf einmal fühlen wir uns wie auf poetischer Durchreise oder wie auf ökologischer Durchreise oder auf philosophischer Durchreise zu einer Forschungsstation im Outback unserer Seelen, zu einem Forschungsprojekt an den Rändern unserer Existenz… Und wir verspüren den tiefen inneren Impuls, in Resonanz zu gehen mit diesen letzten nachtaktiven Insekten, die uns umschwirren, und mit dem, was sie an Einbildungskraft in uns wecken. Und wir beginnen damit, uns ihrem Verschwinden auszusetzen und unserem eigenen Verschwinden in ihnen auch auszusetzen, wirklich auszusetzen, um überhaupt kapieren zu können, was das alles bedeutet, was in dieser Welt gerade geschieht, um dann vielleicht doch noch dagegen aufzubegehren…

Und dann beginnen wir sogar damit, in Gedanken erste Forschungsfragen für diese, unsere neue Forschungsstation zu brainstormen: 

  • Wie nah können oder müssen wir den Insekten kommen, um uns ihnen zu erkennen und uns in ihnen und sie in uns zu beleben, wenn es darauf ankäme? Und was bräuchte es dafür? 
  • Oder müssten wir nicht erst einmal den kompletten Wikipedia-Eintrag zu den Themen Insekten und Insektensterben durchlesen und alle von diesem Beitrag ausgehenden Hyper-LINKs auch noch, um mit der Formulierung unseren Forschungsfragen nicht bloß naiv herum zu delirieren? Sollten wir uns nicht zunächst erstmal eine gewisse entomologische und ökologische Basis-Kompetenz raufschaffen, damit wir überhaupt wissenschaftlich mitreden könnten?
  • Oder sollten wir uns stattdessen doch einfach mal spontan Fühler bauen aus Naturmaterialien und sie uns an den Kopf heften und damit rumlaufen von nun an Tag für Tag, um uns den Insekten anzuverwandeln – um sie wirklich von innen her verstehen zu können?      
  • Oder sollten wir uns diese Fühler bauen und sie uns an den Kopf heften und damit rumlaufen Tag für Tag, um von nun an allen Menschen in unserem persönlichen Umfeld zu signalisieren: Ihr solltet das vielleicht auch tun! – Auch Ihr solltet Euch mit dem Thema Artensterben und mit dem Verschwinden der Insekten, das Euer eigenes Verschwinden sein wird, beschäftigen! – Auch Ihr solltet, verdammt noch mal, vielleicht Eure Lebensform überdenken und ändern und anders mit Insekten und anderen scheuen nerdigen Wesen auf diesem Planeten umgehen lernen – in welcher Gestalt auch immer! – Sollten wir wirklich so eine tagtägliche agitatorische Fühler-Performance in unserem Leben starten? 
  • Oder sollten wir uns doch zunächst erst einmal ein entomologisches Insektenfangzelt kaufen und uns dann da einfach hineinsetzen. – Nacht für Nacht! – Einen ganzen Sommer lang, umschwirrt von Faltern und Mücken, die zu uns kommen würden und uns umflattern und umsirren würden und zu unseren Gedanken und Träumen werden würden – und uns stechen würden mitunter auch? Und unsere Zelte stünden dann selbst wie die sanften Träume der Entomologin in der Landschaft?

„Apropos Träume“ hören wir uns plötzlich sagen und erwachen aus unserem inneren Brainstorming-Fragemonolog für unsere zukünftige Forschungsstation: „Was ist eigentlich der Traum jeder Entomologin?“ 

Die scheue Entomologin vor uns taxiert uns noch einmal eindringlich mit ihren Facettenaugen. Dann zupft sie erneut leicht nervös an ihrem Fangnetz herum: „Ach, Ihr meint so was, wie den Traum eine gänzlich neue Art zu entdecken oder etwas so Seltenes wie die Kupferglucke zu fangen…?

Und weil wir die Insektenforscherin bei dem Wort „Kupferglucke“ wohl etwas verständnislos anstarrten, beginnt sie, uns einen zehnminütigen Fachvortrag vorzuwispern über die Anatomie und Lebensweise dieses speziellen, vom Aussterben bedrohten nachtaktiven Falters, der wegen seiner intensiven rot-orangen Färbung den Namen Kupferglucke trüge. Und während sie uns das alles eindringlich und mit einer seltsamen Sehnsucht in der Stimme erläutert –  dort in der Abenddämmerung auf dieser Hügelkuppe am Rande der Leipziger Tieflandsbucht an den Hohburger Bergen –, trifft uns der Flügelschlag der Kupferglucke herself… - und verwandelt uns.

Und tags darauf entwerfen wir dann wirklich diese Forschungsstation hier.

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