Mit dem Projekt „Vom Verschwinden. Kulturen des Entomonischen“ erkunden wir kollaborativ die Möglichkeiten des Verstehens von Insekten, des Einfühlens in ihre Lebensform und vielleicht sogar der „entomonischen Anverwandlung“. Hier sollen ausgewählte Erlebnisberichte mit Insekten veröffentlicht werden. Dazu gibt es von uns folgende öffentliche Ausschreibung:
AUSSCHREIBUNG:
Entomonische Geschichten gesucht!
Wir laden ein zum Teilen von eindrücklichen persönlichen Erlebnissen, die man/frau im eigenen Leben mit einem oder mehreren Insekten gemacht hat. Dazu starten wir diese öffentliche Ausschreibung mit drei Fragen:
Frage 1: Was war deine intensivste Begegnung mit einem Insekt /Insekten?
Frage 2: Mit welchem Insekt würdest Du Dich am ehesten identifizieren?
Frage 3: Insekten werden oft übersehen bzw. nicht wahrgenommen. – Versuche, Dich an eine Situation zu erinnern, als Du Dich zuletzt übersehen bzw. nicht wahrgenommen gefühlt hast! – Ist es Dir möglich über diese Erinnerung ein verwandtschaftlich(er)es Gefühl für Dein Insekt aufzubringen?
Alle, die, die Idee dieser Website und das Entomonische Manifest unterstützen, können uns ihre persönliche Insekten-Geschichte und ihre Antworten auf die ersten beiden Fragen dieser Ausschreibung zuschicken an: info@kurt-mondaugen.de. Diese möchten wir nach einer Kuratierung veröffentlichen.
Erlebnisbericht 5:
Florfliege
zwischen Körnchen aus Schnee
die an die Scheibe klicken
kriecht eine Florfliege
nur wenige Schritte
sie geht behutsam
dann bleibt sie stehn
der Wind reißt die Flügel ihr
über den Kopf
die Flügel klatschen auseinander
zwei kleine und zwei große Flügel
klappen wieder zurück
an den Körper
sie hält sich am Glas
auf der anderen Seite
wo ich mich blass gespiegelt sehe
fast eine Stunde
bleibt sie auf Tuchfühlung
zu einem großen, erleuchteten Raum
Udo Grashoff
Fotocredits: Von Fedaro - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=126040827
Erlebnisbericht 4:
mit ameisen im bett bin ich nie einsam
sieben acht ameisen mit zarter
handbewegung geschmissen
so viele wesen in meinem bett
die letzte mit papier
rausgerissen zartes papier
die ameise mit an bord
auf den boden segeln lassen
vielleicht kommen sie
so gerne in mein bett
because the love to fly
landen gut
und die lust am weiblichen ejakulationssaft
the ants remember
they loved our juicesness
bewegung im schlaf
13 ameisenbisse around my vulva
they are still there
i am no-
ich werde nicht allein
in meinem bett schlafen
solo with my art gedichte bilder
welcome ants
lass euch fliegen
Marion Steinfeller
(Gedicht erstveröffentlicht in: "Mein lesbisches Auge 23: Einsamkeit", Konkursbuchverlag Tübingen 2024)
Foto: Kurt Mondaugen
In der Gartenlaube plötzlich auf ein Riesenrudel
Ameisen gestoßen: die kleinen Bekannten und zudem
eine ganze Menge sehr großer Exemplare mit Fügeln,
die sich sehr wichtig tun, direkt an der weißgetünchten
Holzwand hinter der Spüle – was soll man da machen,
wenn man nicht Mörderin werden will? Ich bitte die Tiere
um Verzeihung und gehe den Handstaubsauger suchen,
der hier seit fünfzehn Jahren liegt, noch nie verwendet.
Beim nächsten Eintritt in die Küche wimmelt die ganze Wand
von den Kleinen und den Geflügelten, Menschen und Engeln
gleich, und ich mache mich zum Gott und putze sie weg, und
ich, Gott also, überlasse es dem Schicksal, also dem Sauger,
wer überlebt, wem es den Kopf wegreißt oder nur die Füßlein:
kein böser Wille, nur mein „Es muss etwas getan werden“-Wille
geschieht hier, der manche das Leben kostet, aber doch auch
ein paar Chancen verteilt – am Ende meines Tuns jedenfalls
verstehe ich die Götter und ihre heiklen Aufgaben besser. Ich
lege, um Wiederkehr zu verhindern, Lavendel aufs leere Grab,
den mögen sie nicht. Mich selbst lege ich dann ins trockene,
ausgefranste, etwas stachelige Gras und putze erstmal meine
Fühler, dabei lese ich etwas über den suizidalen Wittgenstein,
und den ganzen Abend, wirklich den ganzen restlichen Abend lang
krabbeln unsichtbare kleine Füße auf mir herum. (Wegameisen
werden bis zu sieben Jahre alt.)
Annette Hagemann
(aus: „Katalog der Kiefermäuler“, edition offenes feld 2024)
Bild: Dorit Löffler
Erlebnisbericht 2:
Zitterpartie
Draußen taute langsam der Schnee.
Auf der salpetrigen Kellerwand leuchtete mir ein Tagpfauenauge entgegen. Falsche Zeit, falscher Ort, dachte ich und spürte einen Rettungsimpuls, um die scheinbar zu früh vollendete Metamorphose vor einer Sinnlosigkeit zu bewahren. Vielleicht aber präsentierte sich hier gerade ein strammer Überwinterer?
Ein moderat geheiztes Zimmer zur Aufwärmung, Zuckerwasser als Nahrungsquelle, Begegnungen mit Artgenossen und erkenntnisfördernde Aktionen sollten ihre, denn es war ein Weibchen, Lebenszeit bereichern, bis ich sie ins frühlingsduftende Blütenmeer würde auswildern können.
Sie entrollte ihren Rüssel und kontaktierte damit den Zuckerwasserberg, den ich ihr vor die grazilen Beinchen getropft hatte. Sie machte Super-SlowMo-Bewegungen mit ihren beeindruckenden Flügeln, sie zitterte am ganzen Körper. Genuss, Ekel, Fernweh, Lust? - schließlich war Fastnacht!
Die Kommunikation blieb fragwürdig.
Ich zeigte ihr den kleinen Fuchs, der vor Jahren im selben Keller meine Aufmerksamkeit erregt und meine Fürsorge getriggert hatte. Bis zum Frühling konnte ich ihn damals nicht retten, aber als "Archiv-Falter" in künstlerischer Ummantelung unter Klebeband hatte er die vergangenen zwanzig Jahre mumifiziert und in alter Pracht überstanden.
Das Tagpfauenauge zitterte erneut. Du Profiteurin des Klimawandels, hast du jetzt Angst vor der Realität? War der leblose Artgenosse ihr ein böser Wink mit dem Zaunsfalter?
Gut, dann eben ein vitales Exemplar. In Ermangelung weiterer Lepidoptera stellte ich einen Spiegel in ihr Sichtfeld. Sie verharrte unbeweglich. Erkenntniskonfusionen müssen durch ihr Resthirn gerast sein. In ihrer wie eingerasteten Erstarrung glich sie einem Modellinsekt. Ich folgte ihrer Darbietung mit der Kamera.
Die Möglichkeiten des Missverstehens schienen sich zu erweitern.
Erneutes Zittern. Infolge dieser Gegenüberstellung setzte bei ihr umfassende Appetitlosigkeit ein. Das Zittern wurde seltener, der Flügelschlag nur noch Millimetersache. Ihr Glaube an den nahenden Frühling verließ sie und desillusioniert machte sie keine weitere Bewegung mehr.
Sie hat es nicht bis zu den blühenden Landschaften geschafft, aber unsere Begegnung wirkt bis ins Heute fort, fünf Jahre nach ihrer facettenaugenblicklichen Selbsterkenntnis.
HAEL YXXS
1. März 2025
(Fotos: HAEL YXXS)
Und diese Libelle setzt sich zu mir auf die Hand… Und sie starrt mich an. Und sie starrt mich mit ihren Komplexaugen an. Und sie meint mich. Und sie meint, mich zu erinnern, und sie meint, mich erinnern zu müssen, sagt sie: eine Rückführung in meine Kindheit zu meinen insektischen Urängsten. Und es fühlt sich tatsächlich ein wenig seltsam und gefährlich an, sie da so sitzen zu haben, diese Libelle – einfach so auf meinem Handrücken. Denn ein älterer Junge aus der Nachbarschaft, hatte in meiner Kindheit behauptet, dass Libellen mit ihrem langem Hinterteil stechen würden. Und irgendwie habe ich diese Vorstellung nie ganz verwunden, denke ich in diesem Moment. – Und ob ich bereit sei, mich hypnotisieren zu lassen, fragt die Libelle jetzt in ihrer entlegenen Insektensprache, die ich gleichwohl verstehe, denn ich habe an der Uni früher mal ein paar Semester Sprachphilosophie studiert, sage ich ihr: Konversationsmaximen nach Grice und Sprechakttheorie nach Austin und den zwanglosen Zwang des besseren Arguments nach Habermas. – Und das sollte ja wohl ausreichen, denke ich, und ich nicke also mit meinem Kopf, der mir jetzt auch schon irgendwie ganz schön entlegen vorkommt… Und dann elektrifizieren die Bewusstseinsströme der Libelle meine Großhirnrinde.
Und plötzlich sitze ich wieder als Dreijähriger in der winzigen Wohnstube im Haus meiner Oma am Tisch und sehe drei filigranen Stubenfliegen zu, die sich in wilden Flugpirouetten um einen vergessenen Kuchenkrümel auf der Wachstuchtischdecke zu schaffen machen. Und die Show ist für mich so etwas wie das Nachmittagsprogramm von KIKA Jahre später für meine Kinder sein wird. Aber in meiner Kindheit gab es noch kein KIKA im Fernsehen. Und so sind die wilden Flugbahnen der Stubenfliegen die Hauptattraktion an diesem Nachmittag. – Bis meine Oma aus der Küche hereinkommt und die Fliegen vom Tisch aufsteigen sieht und ruft: „Verdammte Biester, da mött ick jetz a‘er mal muxen!“ Und eine halbe Minute später kommt sie wild entschlossen mit einer Sprühflache aus der Küche zurück, auf der der DDR-Markenname MUX steht.
Und dann vernebelt meine Oma den ganzen Raum voll krass mit DDT. – Aber das wusste damals noch niemand, weil damals noch niemand ins Internet gehen konnte, um das einfach mal bei Wikipedia nachzuschlagen, dass in MUX dieses hochgiftige und krebserregende DDT drin war – hochgiftig und krebserregend nicht nur für die Fliegen, wohlgemerkt! Und weil man das alles damals noch nicht wusste, war damals die eiserne Regel, nach dem Muxen mindestens eine Viertelstunde lang weder die Zimmertür noch das Fenster zu öffnen – bis sich das Gift bis tief in die Tracheen der Fliegen eingegraben hätte, und bis sie aufhören würden, um einen herum zu summen, diese Fliegen, und bis sie sich auf die Fensterbank legen würden, um zu sterben.
Und ich bin drei Jahre alt und beobachte also in diesem Moment zusammen mit meiner Oma das Sterben der Fliegen auf der Fensterbank durch diesen krassen DDT-MUX-Nebel hindurch, und ich frage meine Oma alle drei Minuten, wann die Viertelstunde denn endlich vorbei wäre, weil es so eklig riechen würde, und ich huste auch schon ein bisschen vor mich hin. „Och min Jung: een bettchen mött‘n wir noch uthalten – dat Muxen schadt‘ uns nix, nur die Fliejenviecher geh’n doot davon!“ antwortet meine Oma mir alle drei Minuten in ihrem Bördeplatt. Und überhaupt sind fast alle Insekten für sie damals Volksschädlinge.
Und Volksschädlinge muss man totmuxen, so denkt meine Oma, und so denken fast alle Erwachsenen damals im Osten, und deshalb bekomme ich also als Dreijähriger in der DDR volle Kanne DDT gratis in die Lungen gepumpt, meine halbe Kindheit lang, bis MUX eines Tages doch durch ein anderes, noch besseres Mittel aus dem Westen ersetzt wird…
- „Nun, das erklärt einiges von dem, was mit dir los ist, Kurt: Kurt Mondaugen auf DDT!“ höre ich meine hypnotische Libelle inzwischen im Hier und Jetzt sagen. Und sie fixiert ihren Blick noch intensiver auf meinen, und sie lässt mich nicht aus ihren Komplexaugen. „Kurt, du musst jetzt den verdammten Insekten-Krieg beenden da draußen, der bringt uns alle noch um, und der bringt auch Euch Menschen alle noch um!“ Und die Libelle spielt mir ein Hardcore-Video auf die Retina, auf dem ein Traktor mit angehängtem 15 Meter breiten Gift-Sprühaggregat über ein riesiges Maisfeld am Rande der Leipziger Tieflandsbucht fährt und ein Breitband-Herbizid auf die letzten schlappen Insektenpopulationen des Ackers spritzt.
Und während das Video läuft, liest mir die Libelle sehr eindringlich eine sehr unerfreuliche Erlebnispassage aus Rahel Carsons Buch „Der stumme Frühling“ von 1962 vor:
„Sie sprühten die tausend Quadratmeter großen Grundstücke der Vorstädte, verschonten auch eine Hausfrau nicht, die sich verzweifelt bemühte, ihren Garten abzudecken, bevor die dröhnenden Flugzeuge sie erreichten. Sie überschütteten spielende Kinder und wartende Fahrgäste an den Eisenbahnstationen mit dem Insektizid. In Setauket trank ein schönes Pferd aus einem Trog auf einem Feld, das die Flugzeuge besprüht hatten: zehn Stunden später war es tot."
Und tatsächlich hat auch meine Oma mir als Kind beigebracht, alles, was krabbelt und rumsummt und sirrt und schwirrt – egal, ob innerhalb oder außerhalb des Hauses – und eigentlich sogar alles, was anders ist als „wir“ – wobei nicht ganz klar war, wen sie mit „wir“ meinte: alle Menschen oder alle Deutschen oder alle Ostdeutschen – mit übersteigertem Argwohn zu betrachten und es auch so zu behandeln. – Das fällt mir jetzt das erste Mal auf, denke ich, und ob sie heute wohl auch AFD wählen würde, wenn sie noch lebte, überlege ich… Aber da holt mich die Libelle endgültig zurück aus meinem Erinnerungen, und saugt mir mit ihren magisch leuchtenden Facettenaugen das ganze MUX und DDT meiner Zonenkindheit aus dem Gehirn raus.
Und dabei flüstert sie: „Und im Westen war das mit dem DDT irgendwie auch nicht anders, Kurt! – Ihr müsst wirklich alle lernen, das Insekt in Euch endlich zuzulassen!“
Und dann schwirrt mein Insekt übers Wasser davon…
Kurt Mondaugen
https://www.leopoldina.org/uploads/tx_leopublication/2018_Diskussionspapier_Pflanzenschutzmittel.pdf
(Foto: Kurt Mondaugen)
Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen
Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.