Zur Philosophie des Entomonischen

Diese Seite versammelt philosophische Ideen und Überlegungen zu den Lebensformen von Menschen und Insekten, zum Großen Verschwinden, zum gegenseitigen Verstehen und zur menschlichen Verantwortung für den Erhalt der ökologischen Vielfalt und der Schönheit des Lebendigen. – Von Ludwig Wittgenstein bis Gilles Deleuze, von Henry David Thoreau bis Donna Haraway - usw...

Tier-Werden 
mit Gilles Deleuze

„…das Tier-Werden (hat) nichts Metaphorisches an sich. Es ist kein Symbolismus und keine Allegorie. Auch nicht das Resultat eines Mangels oder eines Fluchs. Es ist, wie Melville vom Wal-Werden seines Kapitäns Achab sagte, ein „Panorama“, kein „Evangelium“. Es ist eine Karte der Intensitäten. Ein Ensemble von klar unterschiedenen Zuständen, die der Mensch durchläuft, während er einen Ausweg sucht. Eine schöpferische Fluchtlinie, die nichts anderes als sich selber ausdrücken will.“

Deleuze, Gilles / Felix Guattari (1976). Kafka – Für eine kleine Literatur, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, S. 50

Interesse an Wäldern ...

"Wenn ein Mann die Hälfte eines Tages in den Wäldern aus Liebe zu ihnen umhergeht, so ist er in Gefahr, als Bummler angesehen zu werden; aber wenn er seinen ganzen Tag als Spekulant ausnützt, jene Wälder abschert und die Erde vor der Zeit kahl macht, so wird er als fleißiger und unternehmender Bürger geschätzt. Als wenn eine Gemeinde kein anderes Interesse an ihren Wäldern hätte, als sie abzuhauen!" 

Henry David Thoreau: "Die Welt und ich", aus den Tagebüchern, Schriften und Briefen ausgewählt und übertragen von Fritz Krökel. Gütersloh: Bertelsmann, 1951. S. 225

Raum

 

wie sie es schafft 

rechte Winkel zu fliegen

die Flügel werden zur Seite geklappt

und weiter geht’s 

 

virtuelles Pingpong

ohne die Wand berühren zu müssen

formt sie den Grundriss

 

sie spielt das Zimmer 

in immer neuen Versionen durch

verwandelt die Stube 

in eine eckige Spirale

 

das Fenster 

das stundenlang offen steht 

ist ihr völlig egal

 

Udo Grashoff

 

Bild: Dorit Löffler

AUSBEUTUNG

 

10 prozent aller bekannten tierarten

sind schmarotzende insekten sie leben

auf kosten anderer

 

die überwiegende zahl aller lebewesen

parasitiert das ist der 

ressourcenerwerb mittels fremdorganismus

 

nahrung sind zumeist flüssigkeiten

der wirtskörper sie reagieren zeitperspektivisch

mit antagonistischer evolution

 

haustorien saugrüssel nissen flagellen

hat die natur hervorgebracht

gemeinhin ist endo letaler als ekto

 

bei säugetieren herrscht grosses leid

dort schlummern die einzeller bis ins gehirn

ob blut eiter tränen es wird getrunken

 

freund oder feind ist nicht immer einfach

vielleicht sekundärer krankheitsgewinn

häute und ihre öffnungen

 

sind der umwelt eintrittspforten

das lebendige jagt und wird gejagt moral

aber ist die kategorie des verstandes

.

 

 

 

EU SOZIAL

 

in den staaten der ameisen gibt es keine scham

was trägt ist konzentrierte entwicklung das hundertfache

körpergewicht zulasten einer beinlosen larve

 

nehmt nicht reissaus reinigt die ovipare königin

dieses baucenters wo die schmackhafte funga floriert

manch ein pilz ist schlauer ohne gehirn er einzellt

 

auf den strassen wallen die pheromone stau

gibt es keinen der agentenbasierte algorithmus

sagt ein umweg röche schlecht gehorcht unser volk

 

das konflikte auf leben und tod intern regelt 

umsturzfantasien zerpflückt bis die rebell:innen 

kooperieren das sklaven hält und kriege führt

 

brutverlust ist gleichbedeutend mit dem eigenen ende

.

                                                           Jakob Leiner

 

 

Die "dunkle Seite" der Insekten?

Emailkorrespondenz zu den nebenstehenden Gedichten von Jakob Leiner 

 

Betreff: Einsendung

Sehr geehrte Damen und Herren, 

für Ihr Projekt „Vom Verschwinden“ finden Sie anhängend zwei meiner (unveröffentlichten) Gedichte, die sich evtl. für eine Online-Publikation eignen.

Vielen Dank und beste Grüße

Jakob Leiner

 

Betreff: Re: Einsendung

Lieber Herr Leiner,

wir haben uns im Team intensiv mit den von Ihnen zugesandten Gedichten befasst (intensiver als mit allen anderen bisherigen Zusendungen). Die Gedichte haben ästhetisch ihre eigenständige Berechtigung. Aber für uns erschließt sich rein kontextlos aus dem was wir als „Botschaften“ aus den Gedichten lesen, nicht wirklich, inwiefern Sie mit genau diesen Gedichten das Forschungsprogramm des Projektes (siehe Website, insbesondere das „Entomonische Manifest“) glauben, unterstützen zu können. Die „Botschaften“ der Gedichte (so wie wir sie lesen, gehen ja eher sehr einseitig in eine Art „darwinistische“ Richtung (wir oder sie) statt zumindest schillernd auch in Richtung „Konvivialismus“ angesichts des globalen Arten- und Insektensterbens (wobei Moral für uns im Projekt tatsächlich eine „Kategorie des Verstandes“ und zugleich des „Herzens“ ist, auf die wir durchaus mit abzielen). 

Wir sind uns durchaus der „dunklen Seite der Insekten“ bewusst, und das ist auch eine Forschungsfrage, die uns umtreibt – und eine Reihe von Beiträgen auf der Seite thematisieren durchaus die Ambivalenz bzw. Ambiguität insektischer Lebensformen. Ihre Gedichte scheinen uns nicht nur sehr einseitig nur die „dunkle Seite“ zu betonen, sondern sie tun es auch in einer thetischen Apodiktik, die unsere oben beschriebene Irritation erzeugt. 

Wir wollen damit gar nicht sagen, dass wir eines der Gedichte nicht doch veröffentlichen könnten, aber uns würde vorab zunächst ein wenig Ihre Motivation interessieren warum Sie die Texte im Kontext unseres Forschungsprojektes für notwendige Impulse halten.

Mit herzlichen Grüßen aus Leipzig

Rainer Totzke / Kurt Mondaugen

 

Betreff: Re: Re: Einsendung

Lieber Herr Totzke, lieber Herr Mondaugen,

danke für Ihre Nachricht und Ihre Gedanken!

Um vorwegzuschicken: Ich finde Ihr Projekt spannend und wichtig, die beiden eingesandten Gedichte waren also gar nicht „dagegen“ verfasst. Auch habe ich sie gar nicht so apodiktisch gemeint, wie sie vielleicht klingen mögen. Darwinistisch, das mag sein, vielmehr ist ein "ärztlicher Blick“ in seiner Nüchternheit enthalten, den ich noch aus der Tropenmedizin oder Infektiologie kenne. (Dass Ärzte grundsätzlich das Schlimmste denken, stimmt natürlich nicht.)

Auch hier bin ich bei Ihnen: Wer die Insekten betrachtet, kommt um diese „dunkle“ Seite, wie Sie sie genannt haben (bzw. „natürliche“ Seite, denn im Gegensatz zu uns können sie ja nicht anders?), wahrscheinlich nicht herum. Aber die Wichtigkeit der Insektenarten im Sinne eines Konvivialismus und vor dem Hintergrund des Artensterbens scheitert ja nicht an einer fehlenden Nettigkeit, die den parasitären Lebensformen und auch den stammeskriegerischen Ameisen abgeht.

Abschließend könnte man also statuieren, dass meine beiden Gedichte zur phänomenologischen Gesamterfassung der Insekten beitragen wollen. Für die Ökosysteme und damit auch für unser (Über-)Leben sind sie bekanntermaßen unabdingbar. Als Säugetier, das ich bin, muss ich mich ihnen dennoch nicht unbedingt verwandt fühlen oder mich gern stechen/beißen lassen (anschlussfähiges Stichwort: Entomo- bzw. Akarophobie). Mit dieser Ambivalenz kann ich gut leben.

In diesem Sinne, beste Grüße,

freue mich auf Ihre Antwort

Jakob Leiner

 

Betreff: Re: Re: Re: Einsendung

Lieber Herr Leiner,

herzlichen Dank für die sehr ausführliche und anregende Antwort.

Wir haben uns im Forschungsteam noch einmal intern verständigt und haben einen Vorschlag: Wir fände es (ganz im Sinne des Forschungsgeistes unseres Projektes) gut, wenn wir Ihre beiden Gedichte in der Rubrik "Philosophie des Entomonischen" veröffentlichen könnten – und zwar zusammen mit unserer Emailkorrespondenz: linke Spalte (und größer gesetzt): die Gedichte / rechte Spalte (in kleinerer Schrift als „Kommentar“) die Emails. Wie gesagt: wir fänden das im Sinne des Forschungsansatzes und des Transparent-Machens des kollaborativen Nachdenkens sehr gut. Was denken Sie über den Vorschlag?

Herzliche Grüße

Rainer Totzke / Kurt Mondaugen

 

 

Freidrehen vor den Wirbeltieren 

An Fäden, von unten kaum zu sehen, pendeln

grüne Panzer in Sturzflug. Ein Nachbau der Alpen.

Vor feinkörnigen Ablagerungen steht 

die ganze Familie., bewundert 

Metamorphosen in beleuchteten Vitrinen. 

Dieser totale Umbau des Körpers 

in der Puppenruhe, sagt Mutter, wie im Auftrag 

ausgeklügelter Kommunikation. Vielleicht, 

so Vater, sind wir als göttliche Entwicklungs-

illusion nur Antworten auf Mundwerkzeuge, 

Antennen, und zur Gänze vollzogene 

Häutungen. Die Söhne sehen Spannweiten,

Empires einer Biomacht, Vereinte Nationen von Gleitkunst.

Flieger-Traum im oberen Devon: Schuppen, 

Fühler, Facettenaugen. Ihre Wirbeltierlungen 

atmen mit hohlen Knochen. Dünn, dünn diese Zeit, 

so kommt sie allen vor, aber nahezu 

unzerbrechlich, irisierend wie eine Platte Chitin. 

 

Karla Reimert Montasser

(aus dem Gedichtband: „Picknick mit schwarzen Bienen“)

Karla Montasser ist Referentin für den Bereich Poetische Bildung am Haus der Poesie/Berlin

 

Bild: Erec Schumacher

Wittgenstein on Entomons

"Ich lag gestern auf einer Wiese und sah tanzende Insekten in der Luft. Sie leben um zu tanzen."

Instagram-Nachricht von Sanja an die Forschungsstation (6.3.2025)

Begleitpapiergedicht

Und ich ordne meine Begleitpapiere 

und will damit bei Dir bleiben alle Zeit

und dein Passagier sein

und dich begleiten durch das wilde Reich der Insekten 

taxonomisch nicht zu verwechseln

mit dem Reich der Entomons

das Du uns für uns ausdachtest

(wenn es das gibt)

will ich Dich begleiten 

tief hindurch 

durch Flügelschlag &

Tag & Traum

und Nacht & Nebel &

durch Orion & Beteigeuze

meinetwegen  

und durch das ganze Horoskop

(wenn es das gibt)

sogar am Firmament

in dem wir lesen können, wenn wir wollen

(und wenn es das gibt) 

dass alles immer schon 

auf uns hinausgelaufen 

oder zu deuten war 

zumindest

Eternity & Insekten-Liebe

auf der Milchstraße

oder auf der Ameisenstraße

und wir ordnen unsere Begleitpapiere

ganz in diesem Sinne 

jeden Tag

wie neu – 

das flirrende Glück

 

                                                Kurt Mondaugen

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